Lernen ohne Stundentakt

Kieler Nachrichten, 28.03.2007

Eindrücke aus der „Lernwerft”: Einzige Ganztagsschule Deutschlands mit dem Konzept des Club of Rome

Kiel — Konstantin Koch genießt seine 30-minütige Frühstückspause mit Blick aufs Meer. Gerade hat er anderthalb Stunden Blockunterricht hinter sich. „Dann kann man richtig viel lernen”, sagt der Elfjährige. Die „Lernwerft” am Skagerrakufer im Kieler Stadtteil Friedrichsort ist die einzige Ganztagsschule in Deutschland, in der von Anfang an nach dem Konzept des Club of Rome unterrichtet wird.
Von Petra Krause

Und das scheint aufzugehen: Bei einer Umfrage unter den bisher 40 Schülern und ihren Eltern hagelte es gute Noten. Zudem übersteigen die Anfragen die Kapazitäten.
„Zufriedene Eltern sind die besten Werbeträger”, sagt Albert Benning, Schulleiter und Geschäftsführer des Trägers, der Bildungsstiftung Schleswig-Holstein. Die 150 Euro monatliches Schulgeld plus drei Euro pro Mittagessen scheinen nicht abzuschrecken. Und die Schüler nehmen zum Teil weite Anfahrtswege in Kauf. Der Einzugsbereich erstreckt sich über das Kieler Stadtgebiet hinaus – vom Ostufer über Raisdorf, dem Westensee, Strande ja sogar bis Neumünster.

Laut Umfrage sind die Eltern der Fünftklässler zu 100 Prozent und die Schüler selber zu 95 Prozent zufrieden mit der Schule. Bei den Erstklässlern wurden nur die Eltern (75 Prozent zufrieden) befragt. Diese obligatorische Befragung zur Zufriedenheit gilt als Kontrollinstrument. „Die Schule muss überprüfbar sein”, sagt Jürgen Rohweder vom Stiftungsrat.

Denn die Eltern schauen bei einer Privatschule genauer hin und das ist auch ausdrücklich gewünscht. „Das Bewusstsein für den Wert der Schule spielt eine große Rolle”, betont Rohweder. „Wir wollen nicht nur Wissen, sondern eine Einstellung vermitteln”, ergänzt Benning. Eltern und Schüler, die sich für die Lernwerft entscheiden, sollten folgende Kriterien als wichtig erachten: Freude am Lernen, die Fähigkeit sich anzustrengen, Teamfähigkeit und soziale Kompetenz.
Die Schüler bleiben von der ersten bis zum Abschluss im Klassenverband. „Es gibt keine Selektion nach Schulart”, so Benning, der die Lernwerft am ehesten als Gemeinschaftsschule sieht. Wer in der neunten Klasse in den Fächern Deutsch, Mathe, Englisch einen Durchschnitt von 2,5 hat, kann weitermachen. Das Gleiche gilt nach der zehnten Klasse. Sitzenbleiber soll es nicht geben. Dafür gibt es Schultutoren – gute Schüler, die den schwachen helfen sollen – und spezielle Förderung, die den unterschiedlichen Leistungsstand berücksichtigt. Die sieben Lehrer – davon zwei in Vollzeit – werden nicht nach Unterrichtszeiten, sondern nach Präsenzzeiten entlohnt. Unterrichtet wird in anderthalbstündigen Blöcken mit 30-minütigen Pausen dazwischen. Der erste dient der Wissensvermittlung in den Kernfächern. Was nach Frontalunterricht klingt, sieht aber vor allem in der ersten Klasse ganz anders aus: An zwölf Stationen bekommt Carlotta Miede Kontakt mit dem Buchstaben D, mal schreibt sie es in Rasierschaum, mal in den Sand und schließlich auch an die Tafel. So wird mit allen Sinnen Lesen und Schreiben gelernt. Im folgenden fächer- und jahrgangsübergreifenden Blockunterricht gilt es, das gelernte Grundwissen durch selbständiges, freies Arbeiten zu vertiefen. Denn „die Welt ist nicht nach Schulfächern geordnet”, so Benning. Während der Projektarbeit ist der Lehrer mehr Begleiter als Dozent. Dieses selbständige Arbeiten der Schüler fördere auch das Selbstbewusstsein in die eigenen Fähigkeiten. Sie stellen sich zum Beispiel auch einen Wochenplan auf mit allem, was sie in der Zeit erreichen wollen, erläutert Benning.

Auch wenn die Schüler überwiegend aus bildungsnahen Familien stammen, sieht Benning die Lernwerft nicht als Eliteschule. Für die Zukunft sei die Vergabe von Stipendien geplant. Und da die Lernwerft als einzige Schule mit dem Konzept gestartet ist, sei es auch noch in der Entwicklung.

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